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Grün kennt viele Schattierungen

Creditreform Magazin, 05.10.2011


Ökologische Finanzprodukte wurden lange belächelt, heute liegen sie voll im Trend. Die Branche reagiert und wirft immer mehr Produkte auf den Markt, was für Anleger die Auswahl nicht einfacher macht.

Als die Ölkatastrophe der Deepwater Horizont im April 2010 den Golf von Mexiko verseuchte, waren nicht nur Fischer, Anwohner und Naturschützer entsetzt. Auch viele Privatanleger, die (umwelt-)bewusst zu Öko-Fonds gegriffen hatten, mussten feststellen: Indirekt hatten sie Aktien des Krisen-Verursachers im Depot. Kritiker von grünen Finanzprodukten fühlten sich bestätigt: Sie sehen grüne Geldanlagen seit ihrer Einführung vor 20 Jahren als reine Marketingaktionen an. Dennoch boomt die Branche, gerade aufgrund der jüngsten Naturkatastrophen.

Die Angst vor dem Supergau hat Umweltschutz, Ethik und Nachhaltigkeit stärker in den Fokus der Gesellschaft und Ökofonds und Umweltaktien ins Portfolio der Geldanleger gerückt. Die Produkte versprechen ein gutes Gewissen und nicht nur in Zukunftsfeldern wie den erneuerbaren Energien fette Renditen. Nimmt der Anleger sein Investment allerdings genauer unter die Lupe, muss er in vielen Fällen feststellen, dass er genau mit diesen vermeintlich nachhaltigen Produkten die Kernenergie oder zumindest deren Zulieferer fördert. Eine aktuelle Untersuchung des Verbrauchermagazins "Öko-Test" hat 73 Fonds untersucht. Das Ergebnis: In vielen steckten Papiere von Atomkraftbetreibern oder Uranproduzenten. Die Erklärung dafür ist einfach. So gilt Kernenergie als effektives Mittel gegen die Erderwärmung und ist somit klimafreundlicher als Öl, Gas oder Kohle. Für den privaten Anleger ist es schwieriger, sich bei den verschiedenen Produkten zu orientieren. Die unterschiedlichen Fondsanbieter bestimmen die grünen Standards, denen sie folgen, selbst. Die Farbe grün scheint bei Finanzprodukten viele Schattierungen zu haben.

Markt wächst weiter

Grüne Geldanlagen profitieren von den Umweltkatastrophen der letzen Jahre. Ihre Wachstumsraten sind beachtlicht. Wie das European Sustainable and Responsible Investmentforum (Eurosif) meldet, hat sich der europäische Markt für sogenannte nachhaltige Investments zwischen 2008 und 2010 verdoppelt – und umfasst ein Volumen von etwa fünf Billionen Euro. In Deutschland sind inzwischen 293 Nachhaltigkeitsfonds zugelassen. Vor acht Jahren waren es gerade einmal 80. Die Ereignisse in Japan könnten diese Wachstumsrate noch weiter vorantreiben. Aber auch vor den Katastrophen war jeder zweite Bundesbürger bereit, ein nachhaltiges Anlageprodukt zu kaufen belegt eine Umfrage von Yougovpsychonomics. Union Investment hat in einer Erhebung herausgefunden, dass zwei Drittel der von ihnen befragten Anleger sogar bereit seien, sich bei nachhaltigen Finanzprodukten auch mit weniger Gewinn zufrieden zu geben.

Dieses Zugeständnis ist allerdings überflüssig, behaupten zumindest die Unternehmensberater von Mercer. Die Gesellschaft hat in insgesamt 36 Studien den Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Performance untersucht. Das Ergebnis: 20 Studien belegen, dass nachhaltige Aktien sich nicht schlechter schlagen als der restliche Markt. Bei nur drei Fällen konnte ein negativer Zusammenhang nachgewiesen werden.

Wie die Fonds einkaufen

Die einzelnen Fondsanbieter folgen nicht nur bei den Nachhaltigkeitsprinzipien, sondern auch bei der Investmentauswahl unterschiedlichen Regeln. Die großen Anbieter trennen das Fondsmanagement von der Nachhaltigkeitsanalyse und nutzen einen der drei folgenden Ansätze. Beim sogenannten "positiven Screening" suchen die Fondsmanager besonders vorteilhafte Unternehmen aus. Durch die Fokussierung auf "Positives" entfallen Unternehmen oder Branchen wie Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Pornographie oder Waffen. So entstehen meist Themenfonds. Beispiele sind spezielle Waldfonds, Biomassefonds oder Solarfonds.

Ein weiterer Ansatz für die Titelauswahl ist das Ausschlussverfahren. Hierbei sind bestimmte Wirtschaftszweige von vornherein Tabu. Bevor der Fonds zusammengestellt wird, wird festgelegt, dass beispielsweise in einem Fonds mit ökologischer Ausrichtung konventionelle Energieanbieter grundsätzlich nicht auftauchen dürfen.

Im Gegensatz zu den Ausschlusskriterien sind beim "Best-in-class-Ansatz" alle Branchen prinzipiell zugelassen. Der Anleger geht hier davon aus, dass ein zu 100 Prozent nachhaltiges Portfolio gar nicht realistisch ist und nimmt sozusagen das kleinste Übel in Kauf. Die Fondsmanager wählen für jede Branche jeweils das Unternehmen aus, das im Vergleich mit der direkten Konkurrenz am nachhaltigsten arbeitet. Als Kriterien werden in etwa die Umweltbilanzen, Recyclingquoten oder die Auswahl der Zulieferer der Unternehmen herangezogen. So gelangen auch Pharmaunternehmen, Atom- oder Ölkonzerne als große Positionen in die Fonds. Das Risikoprofil sei bei Fonds, die sich bei der Auswahl am "Best-in-Class-Ansatz" orientieren, sehr breit diversifiziert und sei somit gerade für große Anbieter attraktiv, argumentieren Befürworter. Zudem sei die Wertentwicklung und Liquidität dieser Fonds deutlich stabiler. Mit den Dow Jones Sustainability Indizes wird eine ganze Indexserie nach diesem Prinzip zusammengestellt. Ein weiterer Vorteil des Ansatzes ist, dass der Anleger so Einfluss auf die Nachhaltigkeitsbemühungen der Firmen nehmen kann. Da nur die Aktien der "Klassenbesten" in die Fonds aufgenommen werden, haben die Unternehmen den Anreiz ihre Bemühungen in Richtung Nachhaltigkeit zu verstärken. Zwischen den einzelnen Ansätzen gibt es Kombinationen. So stellen Fonds, die sich nach dem "Best-in-Class"-Ansatz richten, oft zusätzlich Ausschlusskriterien für bestimmt Branchen auf. Generell gilt bei Nachhaltigkeitsfonds als Faustregel: je mehr Ausschlusskriterien, desto kleiner das Anlageuniversum.

Die richtige Anlage auswählen

Aber was können Anleger tun, um nicht trotz guter Absichten auf neongrüne Investments zu setzen? Als tiefgrün gelten die Aktien der Unternehmen, die im Natur-Aktien-Index (NAI) vertreten sind. NAI ist ein ethisch-ökologisch ausgerichteter Aktienindex, der aus 30 weltweit ausgewählten, nach Ländern und Branchen gestreuten Kursen gebildet wird. Die Marktkapitalisierung aller Werte im NAI beträgt etwa 150 Milliarden US-Dollar. Enthalten sind Unternehmen, die bei der Lösung von Zukunftsproblemen eine besondere Rolle spielen. Eurosif führte 2008 einen Transparenz-Kodex ein, den Fonds unterzeichnen und sich somit zu einem hohen Maß an Offenheit verpflichten. Eine internationale Klassifizierung oder eine Art Gütesiegel gibt es allerdings bislang nicht.

Grüne Geldanlagen bedeuten für den Privatanleger viel Aufwand. "Nachhaltig investieren kostet deutlich mehr Eigeninitiative als die Anlage in konventionelle Titel", sagt Paschen von Flotow, Executive Director des Sustainable Business Institutes (SBI). Er sieht hier aber gerade Unternehmer in der Verantwortung. Jeder Unternehmer sollte in seinem Betrieb soziale und ökologische Verantwortung übernehmen - und tue dies auch. Das gleiche gelte auch für Investitionen. "Es gehört zur moralischen Verantwortung eines Investors sich um diese Bereiche zu kümmern", sagt von Flotow. Der Anleger muss zunächst entscheiden, welche Kriterien er persönlich für wichtig hält. "Nach der ersten Orientierung, sollten sich potentielle Anleger jedoch professionell beraten lassen und aktiv auf ihren Vermögensverwalter zugehen", sagt von Flotow.

Viele Anleger zweifeln an der langfristigen Rendite und der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Die Performance eines Nachhaltigkeitsfonds ist – wie bei anderen Fonds auch – mit dem MSCI World Index zu vergleichen. Welche Branchen besser performen als der Durchschnitt, ist natürlich abhängig von der jeweiligen Konjunkturphase. Dennoch gilt es speziell bei grüne Investments Besonderheiten zu beachten: Innovative Technologien wie erneuerbare Energien sind häufig subventionsgetrieben. "Themenfonds sind natürlich volatiler als Fonds, die in mehrere Branchen investieren. Ihre Performance hängt zudem von nationalen und internationalen Regelungen der Politik ab", sagt von Flotow. Breit aufgestellte Best-in-Class-Ansätze würden sich allerdings nicht anders als konventionelle Fonds verhalten und zu einer ähnlichen Rendite führen. Noch schreckt der Recherche- und Zeitaufwand schreckt viele Anleger ab. Tatsächlich nachhaltig investieren nur drei Prozent der privaten Anleger, interessiert daran seien aber deutlich mehr, sagt von Flotow.

Autorin: Anne-Kathrin Keller

Sündenfonds: Mit Laster Geld verdienen

Geraucht, getrunken und geschossen wird immer – warum also nicht in diese Felder investieren? Sündenfonds machen genau das und stecken Geld in Unternehmen, die ihre Umsätze mit Glücksspiel, Alkohol, Waffen, Tabak, Prostitution und reinen Luxusgüter machen. Die Fondsmanager verweisen auf die hohen Renditen dieser Branchen und sprechen Anleger an, die nicht unbedingt die Welt retten wollen. "Sünder leben im Diesseits gut – Heilige im Jenseits", bewirbt beispielsweise die Fondsgesellschaft Prosperia ihren Fonds "Prosperia Mephisto 1". Tatsächlich ist die Performance der Fonds unter Renditegesichtpunkten nicht außer Acht zu lassen: Der US-Investmentfonds "Vice-Fund" (Lasterfonds), der 2002 in Texas aufgelegt wurde, machte beispielsweise jahrelang Schlagzeilen, da er den S&P Index mehrfach übertroffen hatte.



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